Coming-Out, aber wie?


Hallo meine Lieben!

 

In der letzten Zeit kristallisiert sich immer wieder eine Thematik aus den Anfragen, welche ich per Mail bekomme, heraus.

Daher werde ich mich in diesem Beitrag um das wichtige aber auch anstrengende Thema des Coming-Out widmen.

Ich werde oft gefragt, wie meine Familie, Freunde oder auch meine Kolleginnen und Kollegen in der Arbeit reagiert haben und wie ich es angestellt habe, dazu möchte ich euch nun mehr erzählen.

 

Für den Prozeß des Coming-Out habe ich mir eine Strategie, einen Plan zurecht gelegt, um so die verschiedenen Stationen auf dem beschwerlichen Weg besser koordinieren zu können.

 

Angefangen habe ich bei meiner Mutter im Februar des Jahres 2012. Ich wohnte damals noch mit meiner damaligen Freundin in einer gemeinsamen Wohnung in Fischamend. Ich bin also zu meiner Mutter nach Ebreichsdorf gefahren und habe ihr unter großer Angst, etwas falsch zu machen oder verstoßen zu werden, über meine Situation berichtet und wie ich fortan mein Leben weiter führen möchte und werde. Ihre Reaktion werde ich nie vergessen. Ganz anders als erwartet, akzeptierte sie meine Entscheidung und vermittelte mir, dass sie dennoch immer für mich da sein wird. Ich bin ihr Kind und das wird sich auch nie ändern.

 

Überrascht und voller Freude, dass die wichtigste Person in meinem Leben zu mir hält, war ich nur noch mehr bestärkt darin meinen Plan umzusetzen, egal was sonst noch passieren würde.

 

Mit dieser inneren Kraft, erzählte ich es meiner damaligen Freundin, die dazu klar Stellung bezog und wir uns trennten, die Mietwohnung kündigten und ich nach Ebreichsdorf gezogen bin.

Mit solchen Ereignissen muss man natürlich rechnen. Aber was blieb mir schon anderes übrig. Entweder ich erklärte mich meinem Umfeld oder ich verheimliche es weiter und gehe zu Grunde.

 

Nicht wirklich viele Möglichkeiten, oder?

 

Mein Coming-Out im Beruf war hingegen etwas komplizierter. Nicht so persönlich wie in der Familie, dennoch mit dem Risiko verbunden aus fadenscheinigen Gründen meinen Arbeitsplatz zu verlieren und meine finanzielle Situation extrem zu verschlechtern.

 

Der Plan sah vor, zu aller erst mit dem Betriebsrat zu sprechen. Schließlich ist dieser doch auch für die Mitarbeiter da und zur Verschwiegenheit verpflichtet. Den meisten Kolleginnen und Kollegen ist das Thema Transgender, Transsexuelle, Transidentität oder gar LGBTI* unbekannt, also musste ich auch etwas Aufklärungsarbeit leisten.

 

Der Betriebsrat half mir alles zu organisieren. Gespräche mit der Personalabteilung, der Geschäftsleitung und meinen Vorgesetzten in direkter Linie. Auch war er immer dabei. Die Gespräche dauerten fast zwei Monate. Ich muss allerdings auch dazu sagen, dass es nicht so einfach war, alle wichtigen Leute zu einem gemeinsamen Termin zusammen zu bekommen 😉

 

Als ich schlussendlich Ende April 2012 das „GO“ der Geschäftsleitung zur Bekanntgabe bei meinen Kolleginnen und Kollegen bekam, hatte ich auf einmal wieder etwas Angst. Ein paar Leute aus meinem direkten Umfeld wussten bereits bescheid und wollten mich auch unterstützen. Dennoch der große Schritt, das erste Mal mit der entsprechenden Kleidung in die Arbeit gehen, war ein psychisches Fiasko. Ich brauchte ein paar Tage um mich an die Blicke und das neue Gefühl zu gewöhnen. Mittlerweile ist es mir so ziemlich egal, was jemand sagt, wie er schaut oder reagiert. *lach*

So ein Coming-Out ist eine ganz feine Sache wenn man sein eigenes Selbstwertgefühl steigern und viel Selbstbewusster werden möchte. Erfolgschance gleich 100%, wenn man die seelischen Schrammen einmal übersieht.

 

Natürlich möchte ich an dieser Stelle noch Anmerken, dass ich an meinem ersten „neuen“ Arbeitstag nicht gleich mit Rock oder Leggings ins Büro kam. Ein anders geschnittenes Shirt und eine Jeans in weiblicherer Form, sowie etwas mehr Accessoires halfen mir die Brücke zwischen männlichem und weiblichem Erscheinungsbild zu bilden.

 

Wenn ich jetzt zurückblicke, kann ich euch mitteilen dass sich mein Kleidungsstil in dieser Zeit sehr oft verändert hat. Derzeit trage ich liebend gerne Leggings und ein etwas längeres Shirt oder einen Oversized-Pullover. Aber seit der Operation ist es für mich sowieso einfacher geworden.

 

Ich möchte jetzt noch gerne zusammenfassen, was meiner Meinung nach wichtig ist zu beachten, wenn man sein Coming-Out durchführen möchte.

 

Zu aller erst sollte man sich im Hinterkopf behalten, dass nicht alles reibungslos verlaufen wird. Es wird durchaus zu Verlusten kommen. PartnerIn, Familie, Freunde, sogar im Beruf ist alles Möglich. Jedoch muss es nicht so sein.

Seid rücksichtsvoll, zeigt auch Verständnis für Situation der anderen, die ihr mit eurem „Geheimnis“ konfrontiert und habt Geduld.

 

Wenn ihr Angst habt, ist das in Ordnung. Angst hilft euch nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren und ab und zu auch einen Plan B zur Verfügung zu haben wäre auch nicht so schlecht.

 

 

 

Überlegt euch gut, ob ihr das wirklich machen möchtet, ein Zurück gibt es dann nicht mehr. Habt ihr euch dafür entscheiden, so nehmt euren ganzen Mut zusammen und zwingt euch ab und zu auch dazu etwas durchzuziehen.

 

Viel Glück und Durchhaltevermögen

LG eure Alex

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